Was wirklich zählt, Die Psychologie hinter dem Verhalten

Die What's Behind? Methode

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Was wirklich zählt, Die Psychologie hinter dem Verhalten

Die What's Behind? Methode

6 Min Lesezeit
Führungskräfte, Unternehmer

Der Blick hinter die Kulissen, Warum wir Menschen tiefer verstehen müssen

Menschliche Interaktionen sind im Berufs- und Privatleben oft von einer Komplexität geprägt, die auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich ist. Häufig werden Verhaltensweisen beobachtet, doch das zugrunde liegende „Warum" bleibt verborgen. Diese fehlende Transparenz führt zu Missverständnissen, Konflikten und ungenutzten Potenzialen in zahlreichen zwischenmenschlichen Beziehungen. Die moderne Arbeitswelt, charakterisiert durch rasanten Wandel, fortschreitende Digitalisierung und die Etablierung vielfältiger Arbeitsmodelle, verstärkt diese Komplexität zusätzlich. Unternehmen stehen heute vor erheblichen Herausforderungen in der Mitarbeiterbindung, wie die Phänomene der „Great Resignation" und der anhaltende Fachkräftemangel eindrucksvoll belegen. Diese Entwicklungen unterstreichen die dringende Notwendigkeit, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, was Menschen wirklich motiviert und langfristig an eine Organisation bindet.

Vor diesem Hintergrund wird die „What's Behind? Methode" als ein einfacher, doch wirkungsvoller Ansatz vorgestellt. Sie ermöglicht es, über das offensichtliche Verhalten hinauszublicken und die wahren Motive sowie inneren Antriebe zu ergründen. Es geht darum, das „Warum?" zu hinterfragen, anstatt sich lediglich auf die Beschreibung des „Was ist?" zu beschränken. Diese Methode ist mehr als ein bloßes Werkzeug; sie verkörpert eine grundlegende Haltung, die eine Kultur der Neugier, Empathie und tieferen Verbindung fördert. Ihr Ziel ist es, ein Framework bereitzustellen, das dabei hilft, scheinbar unerklärliche oder dysfunktionale Reaktionen in unterschiedlichsten Kontexten, von komplexen Teamdynamiken bis hin zu persönlichen Beziehungen, zu entschlüsseln.

Das theoretische Fundament: Goffmans dramaturgische Theorie

Die „What's Behind? Methode" basiert auf Erving Goffmans revolutionärer dramaturgischer Theorie, die soziale Interaktionen als Theateraufführungen interpretiert. In dieser Metapher agieren Individuen wie „Schauspieler" auf einer „Bühne", wobei das, was andere wahrnehmen, selten das „wahre Selbst" einer Person ist. Vielmehr handelt es sich um eine „konstruierte Ansammlung von Verhaltensweisen und Requisiten", die bewusst oder unbewusst dazu dient, eine gewünschte Performance zu vollenden und die Wahrnehmung des Publikums zu beeinflussen.

Goffman betonte, dass Menschen in alltäglichen Begegnungen ständig füreinander auftreten und dabei ihr Verhalten und ihre Ausdrucksweise sorgfältig kurieren, um ein gewünschtes Bild zu vermitteln. Die „Front Stage" stellt die öffentliche Persona dar, das präsentierte Selbst, das anderen gezeigt wird. Hier werden Verhaltenskonventionen ausgeführt, die für das Publikum bedeutungsvoll sind. Im Gegensatz dazu ist die „Back Stage" der private Raum, in dem die öffentliche Performance abgelegt wird und realer Sein möglich ist. Das „Impression Management", die bewusste oder unbewusste Arbeit, um während sozialer Interaktionen bestimmte Bilder zu projizieren, geschieht durch sichtliche Handlungen, Gesten sowie verbale und nonverbale Kommunikation.

Anwendung im beruflichen Kontext: Front Stage vs. Back Stage

Im beruflichen Umfeld können viele beobachtbare Verhaltensweisen, wie ständiges Zustimmen in Meetings, übergetriebene selbstbewusste Präsentationen oder das Vermeiden, um Hilfe zu bitten, als „Front Stage"-Performances interpretiert werden. Die „What's Behind? Methode" zielt darauf ab, die wahren Motive aufzudecken, die sich auf der „Back Stage" verbergen. Diese könnten Angst vor Konflikt oder Widerspruch, Unsicherheit, Bedürfnis nach Bestätigung, Angst vor Fehlern oder mangelnde psychologische Sicherheit sein. Das Verständnis dieser Dynamiken ermöglicht es, zu interpretieren, warum Kollegen sich scheinbar widersprüchlich verhalten oder warum bestimmte Interaktionen sich „falsch" anfühlen.

Besonders aussagekräftig ist die Anwendung dieser Methode auf moderne Phänomene wie Quiet Quitting, Burnout und tiefe Frustration. Wenn Mitarbeiter auf der „Front Stage" eine Fassade der Konformität oder hoher Leistung aufrechterhalten, während sie „Back Stage" Phänomene wie Quiet Quitting, Burnout oder tiefe Frustration erleben, verdeutlicht dies, dass unadressierte Realitäten sich als beobachtbare Probleme auf der „Front Stage" manifestieren können. Die „What's Behind? Methode" ist darauf ausgelegt, diese „Back Stage" durch empathische Führung und die Schaffung psychologischer Sicherheit zugänglich zu machen.

Die What's Behind? Methode im Connected Leadership Reflexion

Mein Connected Leadership Reflexion ist nicht von der Stange. Es basiert nicht auf generischen Reflexions-Büchern oder Standardframeworks, sondern auf selbstentwickelten Methoden, die über Jahre verfeinert und ausgebaut wurden. Die „What's Behind? Methode" ist ein exemplarisches Werkzeug aus meinem Werkzeugkoffer, eine Methode, die es Führungskräften ermöglicht, ihre Teams wirklich zu verstehen. Sie hilft dabei, zwischen echten Problemen und bloßen „Schauspielereien" zu unterscheiden, und ermöglicht eine gezielt effektivere Führung. Durch das Verständnis von Impression Management können Führungskräfte bewusst ihr eigenes „Front Stage"-Verhalten gestalten, etwa durch Transparenz und Empathie, um Vertrauen und psychologische Sicherheit im Team zu fördern. Dies wiederum hilft, die „Back Stage"-Realitäten ihrer Mitarbeiter zugänglich zu machen.

Fazit: Ein Framework für tieferes Verständnis

Die „What's Behind? Methode" bietet Führungskräften und Individuen ein mächtiges Framework, um menschliches Verhalten in seiner ganzen Komplexität zu verstehen. Sie ermöglicht es, über oberflächliche Interpretationen hinauszugehen und die echten Motivationen, Ängste und Bedürfnisse zu erkennen, die menschliches Handeln antreiben. In einer Arbeitswelt, die von Veränderung, Unsicherheit und dem Bedarf nach authentischer Verbindung geprägt ist, bietet diese Methode einen konkreten Weg, um Missverständnisse zu reduzieren, Vertrauen aufzubauen und Teams zu befähigen, ihr volles Potenzial zu entfalten.

Literaturempfehlungen zum Weiterlesen:

1. Goffman, E. (1959). The Presentation of Self in Everyday Life. Doubleday. 2. Bourdieu, P. (1986). The Forms of Capital. In J. Richardson (Hrsg.), Handbook of Theory and Research for the Sociology of Education (S. 241-258). Greenwood. 3. Edmondson, A. C. (1999). Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350-383. 4. Brown, B. (2018). Dare to Lead: Brave Work. Tough Conversations. Whole Hearts. Random House. 5. Schein, E. H. (2017). Humble Inquiry: The Gentle Art of Asking Rather Than Telling. Berrett-Koehler Publishers. 6. Senge, P. M. (2006). The Fifth Discipline: The Art & Practice of The Learning Organization. Doubleday.

7. Bak. P. M. (2024). Arbeits- und Organisationspsychologie: Eine Einführung. kompakt. prägnant und anwendungsorientiert. Springer Berlin Heidelberg.

8. Lippmann. E.. Pfister. A.. & Jörg. U. (2019). Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte: Führungskompetenz und Führungswissen (5. Aufl.). Springer.

9. Bergner. S.. Kreuzthaler. A.. & Rybnicek. R. (2023). Kompetenzgeleitete Entwicklung von Führungskräften. In J. Felfe & R. Van Dick (Hrsg.). Handbuch Mitarbeiterführung (S. 517 bis 532). Springer Berlin Heidelberg.

10. Binder. N. (2024). Partizipation und Effizienz. Demokratische Gruppendynamik bei Kurt Lewin. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO). 55(4). 467 bis 476.

11. Hinkelmann. R.. & Enzweiler. T. (2018). Reflexion als Führungsinstrument: Neue Leadership-Konzepte für das digitale Zeitalter. Springer Gabler.

12. Hammann. E.-M. (2008). Dezentrale Leadership: Voraussetzungen. Möglichkeiten und Grenzen von unternehmerischem Führungsverhalten in Tochtergesellschaften diversifizierter Unternehmen. Gabler Verlag.

13. Heidbrink. M.. & Debnar-Daumler. S. (2023). Selbstführung: Innere Klarheit für chaotische Zeiten. Haufe.

14. Krieg. V. (2024). Führungskompetenz im Zeitalter der Digitalen Transformation. Springer Fachmedien Wiesbaden.

15. Matheus. A. (2025). Crashkurs New Work: Psychologische Sicherheit für Teamarbeit und Führung. Haufe.

16. Rose. N. (2024). Arbeit besser machen: Positive Psychologie für Personalarbeit und Führung. Haufe.

17. Franken. S. (2025). Verhaltensorientierte Führung: Handeln. Lernen und Diversity in Unternehmen (5. Auflage). Springer Fachmedien Wiesbaden.

18. Schiefer. G.. & Simo. C. K. (2025). Linien-Coaching. die Integration von Führung und Reflexion: Über die Doppelrolle einer reflexiven Führungskraft. Springer Berlin Heidelberg.

19. Nerdinger. F. W.. Blickle. G.. & Schaper. N. (2019). Arbeits- und Organisationspsychologie (4. Aufl.). Springer.

20. Knobel. U. H. (2023). Führen mit Kompetenz: Vom Führungsversagen zum Führungserfolg. Springer Gabler.

21. Bill. B.. & Melchers. K. G. (2023). Selbstdarstellungsverhalten in eignungsdiagnostischen Interviews. Was Sie gegen Faking und Impression Management tun können. In S. Schulte & M. Hiltmann (Hrsg.). Eignungsdiagnostische Interviews: Standards der professionellen Interviewführung (S. 131-154). Springer Gabler.

22. Diehl. J. B. (2023). Abgelehnte Bewerber:innen als Werbeträger:innen für die Organisation? Ein Plädoyer für den obligatorischen Einsatz von Feedback in Auswahlkontexten. In S. Schulte & M. Hiltmann (Hrsg.). Eignungsdiagnostische Interviews: Standards der professionellen Interviewführung (S. 431 bis 449). Springer Gabler.

23. Krumm. S.. Mertin. I.. & Dries. C. (2012). Kompetenzmodelle. Praxis der Personalpsychologie. Band 27. Hogrefe.

24. Blum. P.. Gottschlich. T.. & Kootz. J. (2025). Wettbewerbsvorteil Mitarbeiterbindung: Erfolgreich mit wirksamer Führung. Mit Wertschätzung. Vertrauen und Motivation dem Fachkräftemangel begegnen. Talente fördern. Fehlzeiten senken. Haufe-Lexware Verlag.

25. gethen. K.. & Iseke. A. (2024). Kompetenzmodelle: Was wird gemessen? In K. Thommes. A. Iseke & M. Schneider (Hrsg.). Digitales und prädiktives Kompetenzmanagement (S. 21 bis 55). Springer.

26. Albrecht. A. (2021). Zukunftsgerecht führen: Plena-Leadership. die Synthese von Management. Neurowissenschaft und Psychologie. Springer Fachmedien Wiesbaden.

27. Ayberk. E.-M.. Kratzer. L.. & Linke. L.-P. (2017). Weil Führung sich ändern muss. Springer Fachmedien Wiesbaden.

28. Arsan. C. (2025). Menschenführung. In Zentrum Innere Führung (Hrsg.). Handbuch Innere Führung (2. Aufl.. S. 39 bis 45). Zentrum Innere Führung.

Wichtige Erkenntnisse

Front Stage vs. Back Stage

Front Stage: Die öffentliche Persona, die Performance | Back Stage: Der private Raum, die Realität

Quiet Quitting & Burnout

Wenn Mitarbeiter „Back Stage" leiden, während sie „Front Stage" eine Fassade aufrechterhalten, führt das zu Quiet Quitting und Burnout

Zum Mitnehmen

  • Verhalten ist nicht irrational, es hat immer einen Grund
  • Front Stage vs. Back Stage verstehen, die öffentliche Performance und die private Realität
  • Impression Management ist überall, bewusst oder unbewusst
  • Psychologische Sicherheit macht die Back Stage zugänglich
  • Empathische Führung schafft echtes Verständnis

Fragen zum Nachdenken

Welche Front Stage-Performances siehst du in deinem Team, und was könnte dahinter stecken?

Wie schaffst du psychologische Sicherheit, damit deine Mitarbeiter ihre Back Stage zeigen können?

Wo spielst du selbst eine Fassade, und wo könntest du authentischer sein?

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